Ist eine sukzessive Mittäterschaft bzw. Beihilfe im Rahmen der §§ 242ff., 249ff. StGB möglich?

Überblick

Umstritten ist, ob eine sukzessive Beihilfe oder Mittäterschaft, also eine solche, die erst zwischen Voll- und Beendigung und mithin im Beendigungsstadium entsteht, möglich ist. Konkret geht es um die Fragen, ob jemand, der erst nach Vollendung der Wegnahme dem Tatgeschehen beitritt, sich ebenfalls z.B. wegen Diebstahls oder (schweren) Raubes strafbar macht. Relevant ist die Problematik vorwiegend für §§ 242, 249, 250 StGB.

Die Auffassungen und ihre Argumente

1. Ansicht - Eine sukzessive Beihilfe und Mittäterschaft ist generell zulässig.1

Argumente für diese Ansicht

Durch das Einverständnis des Beitretenden, wird diesem das einheitliche Verbrechen zugerechnet.

Wenn jemand in Kenntnis und Billigung des bisherigen Geschehens dem Tatgeschehen beitritt, so bezieht sich sein Einverständnis auf einen verbrecherischen Gesamtplan. Das Einverständnis hat die Kraft, dass dem Beitretenden das einheitliche Verbrechen strafrechtlich zugerechnet wird.
Etwas anderes gilt nur für vollständig abgeschlossene vorangegangene Taten. Hier kann das Einverständnis eine strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht begründen.2

2. Ansicht - Sowohl eine sukzessive Beihilfe als auch eine solche Mittäterschaft ist nicht möglich.3

Argumente für diese Ansicht

Den Grundsätzen der Mittäterschaft wird ansonsten nicht genügt.

Wegen mittäterschaftlicher Begehung haftet man nur für das, was man gemeinsam beherrscht und vorab gebilligt hat. Nur dann kann die Tat als eigene zugerechnet werden.4

Würde man eine sukzessive Mittäterschaft annehmen, würden man letztlich allein den nachträglich gefassten Vorsatz bestrafen.5

Ausdehnung der Tatphase berührt Art. 103 II GG.

Durch die Annahme der Möglichkeit einer sukzessiven Beihilfe/Mittäterschaft wird die strafbare Tatphase zu weit ausgedehnt, was vor allem unter dem Aspekt des Art. 103 II GG bedenklich ist. Schließlich ist zum Zeitpunkt des Beitritts die Wegnahme vollständig vollendet. Beutesicherung und Beendigungserfolge fallen hingegen nicht mehr unter den Tatbestand.6

  • 1. BGHSt 2, 344.; wohl auch Fischer, StGB, § 25, Rn. 39, Aufl. 61.
  • 2. BGHSt 2, 344 (346).
  • 3. Lackner/Kühl, StGB, § 239, Rn. 6, Aufl. 28.; Rengier, BT I, § 7, Rn. 47, Aufl. 13.
  • 4. Rengier, BT I, § 7, Rn. 47, Aufl. 13.; Eisele, BT II, Rn. 340, Aufl. 2.
  • 5. Eisele, BT II, Rn. 340, Aufl. 2.; Rengier, BT I, § 7, Rn. 47, Aufl. 13.
  • 6. Rengier, BT I, § 7, Rn. 48, Aufl. 13.; auch: Lackner/Kühl, StGB, § 249, Rn. 6, Aufl. 28.; Eisele, BT II, Rn. 340, Aufl. 2.

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