Karriere in der Bundeswehrverwaltung

Frage: Seit wann sind Sie bei der Bundeswehr und wie sind Sie zu ihr gekommen?
Nikolaus Nöller:
Ich bin seit 2016 für die Bundeswehr tätig. Schon während meines Studiums habe ich mich für das öffentliche Recht, die Verwaltung und für Politik interessiert und mir eine Arbeit im Geschäftsbereich eines Landes- oder Bundesministeriums vorstellen können. Nachdem ich dann erst in einer Kanzlei als Rechtsanwalt meine Karriere begonnen hatte, bin ich auf eine Stellenanzeige der Bundeswehr aufmerksam geworden und nach erfolgreichem Durchlaufen des Assessment Centers schließlich dort gelandet.

Frage: Was ist für Sie besonders an der Bundeswehr?
Nikolaus Nöller:
Mit über 180.000 Soldaten und ca. 80.000 zivilen Mitarbeitern ist die Bundeswehr mit keiner anderen gewöhnlichen Verwaltung zu vergleichen. So umfangreich wie die Personalstärke sind auch das Aufgabenspektrum und die Möglichkeiten, die einem innerhalb der Bundeswehr geboten werden. Neben den klassischen militärischen Aufgaben besitzt die Bundeswehr eine Art eigenen Mikrokosmos der beinahe alle Bereiche, die es sonst in der zivilen Gesellschaft gibt, noch einmal unter einem Dach abbildet. Das reicht von einem eigenen Gesundheitssystem, über den Einkauf von Strom an der Strombörse, bis hin zu einem eigenen Sprachenamt. Die Bundeswehr ist zudem weltweit tätig und das nicht nur in den Einsatzgebieten. In fast allen befreundeten Staaten befinden sich Positionen, die von Bundeswehrangehören bekleidet werden. Das schafft auch eine internationale Ebene, die man sonst vielleicht nur noch im Auswärtigen Amt vorfindet.
Das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr zeichnet hierbei eine besondere Aufgabenvielfalt im nationalen und internationalen Umfeld aus. Neben Tätigkeiten in den unterschiedlichsten Rechtsgebieten (z.B. Fragen des Umweltschutzes, Begleitung von Baumaßnahmen oder die Zusammenarbeit mit der Bundeswehrfeuerwehr) sind im Rahmen des Karriereaufbaus Verwendungen als Leiter von Dienst- und Verwaltungsstellen im In- und Ausland möglich.

Frage: Inwieweit ist Ihre Erwartungshaltung an Ihren Fachbereich erfüllt worden?
Nikolaus Nöller:
Als Referent übe ich mit meinem Team die Fachaufsicht über die nachgeordneten Beschaffungsstellen der Bundeswehr im Ausland aus. Auch dort muss die Bundeswehr bei der Verwendung von Haushaltsmitteln die haushalts- und vergaberechtlichen Vorschriften einhalten.
Neben vergaberechtlichen Fragestellungen, wie sie sich auch im Inland stellen, müssen zusätzlich eine Reihe von Besonderheiten berücksichtigt werden, wenn man an ausländischen Märkten beschaffen möchte. Vor allem im Einsatz geht es darum, wie man an einem exotischen Markt Waren und Leistungen wirtschaftlich und rechtlich korrekt beschaffen kann. Hier sind schnelle und dennoch durchdachte Entscheidungen notwendig. Verbunden ist die Tätigkeit mit internationalen Dienstreisen, um regelmäßig vor Ort die recht- und zweckmäßige Aufgabenwahrnehmung zu kontrollieren.
Da sich meine Vorstellung eher am Vergaberecht im Inland orientiert hat, wurden die Erwartungen doch deutlich übertroffen.

Frage: Welche Qualifikationen bzw. Vorkenntnisse sollte Berufseinsteiger mitbringen?
Nikolaus Nöller:
Als Grundvoraussetzung für den Einstieg in den höheren Dienst als Jurist genügt grundsätzlich das erfolgreich abgelegte Assessorexamen (Befähigung zum Richteramt). Je nach Ausschreibung müssen dann weitere Qualifikationserfordernisse vorliegen. Es ist durchaus hilfreich, wenn man schon während des Studiums oder durch eine berufliche Vorerfahrung ein souveränes Auftreten und Führungskenntnisse erworben hat, da man relativ schnell Führungsverantwortung übernehmen muss. Zudem sollte man sich mit dem Auftrag der Bundeswehr identifizieren und sich im besonderen Maße für die freiheitlich demokratische Grundordnung einsetzen.
Der Vorteil der schon erwähnten breiten fachlichen Aufstellung der Bundeswehr ist, dass man als Jurist keine spezifischen Schwerpunkte in einem speziellen Rechtsgebiet mitbringen muss.
Es ist sogar durchaus nicht unwahrscheinlich, dass man am Anfang nicht unbedingt mit dem klassischen Verwaltungsrecht, wie man es aus dem Studium oder der Verwaltungsstation kennt, konfrontiert wird. In meiner ersten Verwendung habe ich die Fachaufsicht über die Verwaltungen der Bundeswehrkrankenhäuser übernommen und war als "Justitiar" von fünf Krankenhäusern fachlich im Arzthaftungs- und Medizinrecht unterwegs. Das schloss medizinrechtliche Vorträge vor Chefärzten ebenso ein, wie Budgetverhandlungen mit den Spitzenverbänden der privaten und gesetzlichen Krankenkassen. Eine überaus spannende und verantwortungsvolle Tätigkeit.
Spezifische Kenntnisse bestimmter Rechtsmaterien können dennoch von Vorteil sein, da sich für fast jede Vorerfahrung auch eine entsprechende Verwendung innerhalb der Bundeswehr findet und man dann zielgerichtet eingesetzt werden kann.

Frage: Wie unterstützten Sie Berufseinsteiger bei Ihnen?
Nikolaus Nöller:
Grundsätzlich ist für Neueinstellungen in der Bundeswehrverwaltung die Teilnahme an zwei Einführungslehrgängen vorgesehen. Hier erlangt man erste Einblicke in die neue Arbeitswelt. Je nach Einsatzgebiet werden zusätzlich fachspezifische Lehrgänge oder Seminare angeboten. Abgerundet wird das Ganze durch die klassische Einarbeitung durch Vorgesetze und Kollegen. Hier ist ein besonderer Vorteil, dass wir im Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen meist mit mehreren Referenten im Team arbeiten.

Frage: Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gewährt die Bundeswehr?
Nikolaus Nöller:
Die Weiterbildungsmöglichkeiten sind sehr vielfältig. Die Bundeswehr verfügt über ein eigenes Bildungszentrum, Führungsakademien, zwei eigene Universitäten und diverse Schulen. Hierdurch besteht zu vielen Themengebieten eine interne Fachexpertise, welche durch einen eigenen jährlich aktualisierten Trainingskatalog an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitergegeben wird. Zudem werden Vorträge durch externe Experten aus der Praxis angeboten. Aber auch die Teilnahme an Kongressen oder Tagungen ist möglich.
So war ich dieses Jahr auf Grund meiner aktuellen Verwendung auf dem Hamburger Vergabetag und habe neben aktuellen Vorträgen zum Vergaberecht viele interessante Gespräche mit anderen öffentlichen Auftraggebern, Auftragnehmern sowie Richtern an Vergabesenaten geführt.
Das Portfolio der Weiterbildungsmöglichkeiten reicht von Rhetorikkursen, Führungskräftefortbildung und klassischen Seminaren in bestimmten Rechts- oder Fachgebieten bis hin zu Aufbaustudiengängen wie z.B. einem Master of Law an der Bundeswehruniversität. Zudem gibt es Austauschprogramme mit anderen NATO-Staaten und bei der NATO selbst, so dass hier ein vielfältiger internationaler Austausch möglich ist.
Durch das eigene Bundessprachenamt besteht zusätzlich die Möglichkeit, sich in verschiedenen Fremdsprachen weiterbilden zu lassen und entsprechende Sprachnachweise zu erwerben.

Frage: Was ist das spannendste, was Ihnen in Ihrem Beruf bisher passiert ist?
Nikolaus Nöller:
Die spannendste Zeit bisher war sicherlich meine Einsatzerfahrung als Verwaltungsstabsoffizier und Leiter einer Einsatzwehrverwaltungsstelle.
Die Bereitschaft für eine solche Einsatzverwendung wird zwar grundsätzlich bei Eintritt in die Bundeswehr vorausgesetzt. Es ist aber dann nicht so, dass man gegen seinen Willen in den Einsatz geschickt wird. Ich habe es als eine weitere interessante, abenteuerliche und herausfordernde Möglichkeit empfunden, welche die Bundeswehr bietet und die mit einer ebenso interessanten Einsatzvorbereitungsphase einhergeht.
Als ich während dieses Einsatzes nachts in einer britischen Militärmaschine in Bagdad zwischengelandet bin, konnte ich kaum glauben, dass ich keine drei Jahre vorher noch in einer Kanzlei über Zivilakten gebrütet habe. Das war eine wirklich spannende und intensive Erfahrung.

Frage: Was ist das Beste an der Arbeit bei der Bundeswehr?
Nikolaus Nöller:
Das ist aus meiner Sicht ganz klar die Vielseitigkeit der möglichen Tätigkeiten und Verwendungen. Als Jurist muss man gleich zu Beginn nicht nur sein juristisches Wissen anwenden, sondern auch strategische Entscheidungen erarbeiten und die Anliegen seines Bereichs gegenüber Vorgesetzten vertreten. Personalführung und Managementaufgaben gehören hier genauso dazu, wie die reine juristische Fallbearbeitung.  Zu Beginn durchläuft man im Rahmen der Personalentwicklung in den ersten Jahren meistens mehrere Verwendungen. Das schafft nicht nur eine interessante Abwechslung, sondern auch einen guten Überblick über den Geschäftsbereich.

Frage: Welche Einschränkungen bringt der Beruf mit sich?
Nikolaus Nöller:
Die erwähnte Vielseitigkeit der Verwendung geht natürlich auch einher mit einer immer wieder neuen Einarbeitung und auch Veränderung des persönlichen Umfeldes. Dies kann gerade am Anfang den Eindruck erwecken, dass man keine spezifische Expertise in einem Rechtsgebiet entwickeln kann. Diese Möglichkeiten kommen später mit zunehmend längeren Verwendungen dann aber durchaus noch.
Da die Bundeswehr in einem sicherheitsrelevanten Bereich tätig ist, kann es unter Umständen auch sein, dass man in seinem privaten Umfeld über manche spannende Erfahrung nicht offen sprechen darf.

Frage: Was ist Ihr Ausgleich zum Büroalltag?
Nikolaus Nöller:
Seit einigen Jahren bin ich begeisterter Hobby-Triathlet und investiere viel Zeit und Engagement in mein Training. Sport ist ein guter Ausgleich zu einem Beruf, in dem man viel Zeit am Schreibtisch verbringt.
Auch hier bietet die Bundeswehr Vorteile. Denn es besteht die Möglichkeit, im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements an dienstlich angebotenen Sportprogrammen teilzunehmen. Zudem kann man bedingt durch den Dienstsport der Soldaten auch die hierfür zur Verfügung gestellten und bestens ausgestatteten Sportanlagen außerhalb der Dienstzeit nutzen und sogar nach Kapazität an sportlichen Veranstaltungen der Soldaten teilnehmen.

Frage: Was würden Sie rückblickend in Ihrer juristischen Ausbildung anders machen?
Nikolaus Nöller:
Man kann die Möglichkeiten, die einem als Student in der Regel an den Universitäten angeboten werden, nicht hoch genug schätzen und ich würde rückblickend noch mehr (internationale) Angebote wahrnehmen. Später im Berufsleben ist man meistens nicht mehr so ungebunden und zeitlich flexibel.

Frage: Welchen Tipp würden Sie gerne jedem Nachwuchsjuristen mitgeben:
Nikolaus Nöller:
Die Verwaltungsstation nimmt bei vielen Referendaren eine untergeordnete Rolle ein und wird oft in kommunalen Behörden "abgearbeitet". Ich empfehle hier, sich einen Überblick über die verschiedenen fachlichen Angebote der verschiedenen Bundes- und Landesbehörden zu verschaffen. So kann man sich ein besseres Bild von der Tätigkeit eines Verwaltungsjuristen machen. Verwaltungsstationen sind auch bei Behörden im Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums  - also auch im Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen - möglich.
Wenn auch Sie Karriere bei der Bundeswehr machen wollen, dann schauen Sie in unsere Ausschreibungen und Bewerben sich gerne unter bundeswehr-karriere.de.

Nikolaus Nöller ist Oberregierungsrat und als Referent für Vergaberecht bei der Bundeswehrverwaltung in Bonn tätig.