Realitätscheck: Wie läuft das Referendariat in Wirklichkeit ab? Ein kurzer Abriss.

von gesa.pan · Aktuelles und Gemischtes

Zwei Jahre, acht schriftliche Prüfungen und damit vierzig Stunden gefühlte Hölle, endlose Bib-Sessions und schlechtes Essen vom Supermarkt in den Lernpausen, wenig Schlaf und wenn Schlaf, dann schlechter Schlaf, Gedankenkarussell um die Frage, ob man den Stoff in der kurzen Zeit bewältigen kann und was man eigentlich wird, wenn man es nicht schafft.

Auch nicht beim zweiten Mal. Gedanken, die mich in den Wahnsinn getrieben haben. Und meine Freunde. Und meine Familie. Die vergebliche Suche nach einem "Aus"-Knopf. Betonung auf "vergeblich". Die ewigen Gespräche darüber, wer was gerade lernt, welche Lernmethode die effektivste ist, die immer gleichen Menschen in der Bib, die man schon aus Prinzip nervig findet, obwohl sie einem eigentlich nichts getan haben. Aber sie sind nun einmal da, atmen, blättern die Seiten lautstark um (ja, so was geht), essen im beruhigten Lesebereich Nüsse und haben ab und zu vergessen, zu duschen. Den Part kennen wir ja schon aus dem Studium. Bis dahin also noch keine merklichen Unterschiede.
Der Unterschied ist, dass auf den gefühlten Mount Everest an Lernstoff aus dem Ersten Examen, ein nicht merklich kleineres Basislager an praktischer Arbeit und Ausbildung, sowie eine Fülle von Klausuren drauf gesetzt wird. Herzlichen Glückwunsch. Ihr befindet euch offiziell im Referendariat.
Sich über seine Ausbilder aufregen gehört ab sofort zu Eurem täglichen Brot. Ihr werdet Akten über Akten wälzen - je nach Ausbilder einen Aktenvortrag halten müssen - Urteile, Beschlüsse, Anklagen und Mandantenschreiben verfassen, an den Unterrichtseinheiten teilnehmen (die, wenn wir mal ehrlich sind, nicht immer ergiebig sind), viele Klausuren schreiben über Themen, für die man dann doch mal die "Idiotenwiese" braucht, weil man davon (wir sind ja gerade schon mal ehrlich) noch nie was gehört hat. Aber: nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Anfangs klingt das alles unmachbar, man ist überfordert und fühlt sich erstaunlicherweise wieder wie im ersten Semester. Nämlich, als würde man nichts können. Aber letztlich dachte ich damals auch, dass ich es niemals schaffen werde, ein brauchbares Gutachten zu verfassen, das Trennungs- und Abstraktionsprinzip nicht nur zu verstehen, sondern in der Klausur vielleicht auch mal zu beachten; ich dachte oft genug nicht, dass ich diese (damals noch fünf) Klausuren aus dem Ersten Examen (ohne durchlaufenden Nervenzusammenbruch) überlebe. Ebenso wenig glaubte ich daran, dass ich mir diesen hart erlernten Gutachtenstil jemals wieder abgewöhnen und ein vernünftiges Urteil zustande bringen könnte. Und jetzt sitze ich hier nach sieben (sehr langen) Jahren Ausbildung und schreibe als frisch gebackene Volljuristin über meine Erfahrungen im Referendariat. Also: Keine Panik. Alles step by step, learning by doing und alle diese Redewendungen, die ja irgendwo doch einen wahren Tatsachenkern haben. Obwohl "Tatsache" in diesem Zusammenhang juristisch nicht korrekt ist. Seht Ihr. „Aus-Knopf“ immer noch nicht gefunden.
Die Quintessenz ist also: man wächst in diese containerschiffgroßen Schuhe schon irgendwie rein. Die folgenden Beiträge sollen zeigen, dass man auch, wenn man kein absoluter Überflieger, kein Jura-Brain oder Fachidiot (und welche Begriffe euch noch so einfallen) ist, das Referendariat souverän meistern kann. Auch, wenn man nicht zu den oberen zehn Prozent der Juristen gehört. Ich gehöre nicht dazu. Und stehe dazu. Daher: Nur Mut und Selbstvertrauen. Denn 90% von uns haben nun mal kein VB.
Zudem sollen euch die Beiträge einen realistischen Einblick darin geben, wie das Referendariat in Wirklichkeit abläuft. Denn immer, wenn ich Artikel darüber lese, wie sinnvoll das Referendariat doch sei und wie viel man doch lerne, muss ich innerlich immer etwas schmunzeln. Denn klar: Auch hier gibt es sinnlose Veranstaltungen, nervige Anwesenheitspflichten und unverständliche Pflichten, seinen Urlaubsantrag zu begründen, wenn man nur einen Tag Urlaub nimmt, nicht aber, wenn man gleich zwei Wochen Urlaub beantragen will.
Nichtsdestotrotz habe ich das Referendariat geliebt. Tatsächlich hat Jura seit langem wieder Spaß gemacht. Gut. Vielleicht nicht der Unterricht im Verwaltungsrecht. Gut. Vielleicht auch nicht die Verwaltungsstation im Allgemeinen. Aber das ist ja Geschmackssache. Aber man durfte endlich an Fällen arbeiten, die nicht nur aus den Beteiligten A und B bestehen, durfte das erste Mal selbst verhandeln, konnte endlich die (meist doch eher fragwürdigen) Meinungsstreitigkeiten zwischen Literatur und Rechtsprechung zumindest im Detail vergessen; denn erstens, gibt es dafür nun die Kommentare, und zweitens, macht man es in den Klausuren eh so, wie der BGH es für richtig hält. Ganz zu schweigen von all den Definitionen im Strafrecht.
Zudem ist es tatsächlich interessant zu sehen, wie die Praxis funktioniert; dass die Theorie noch so schön sein kann, wenn der Kläger die Tatsachen in der Realität nun mal nicht beweisen kann. Es ist interessant zu sehen, dass Richter auch nur Menschen sind. Und manche Strafverteidiger vielleicht etwas weniger. Es ist interessant, was eine Strafakte – und ich rede nicht von Diebstahl einer Schachtel Kippen bei Aldi – mit einem selbst macht. Es ist interessant, dass es einen berührt. Sehr sogar. Und dass man es in der Verhandlung und im Urteil dann doch schafft, wie ein Jurist zu entscheiden und nicht seinen menschlichen Gefühlen nachgeht. Ebenso ist es interessant, mal wieder auf juristisch nicht vorgebildete Menschen zu treffen. Und zwar, weil deutlich wird, dass die Kommunikation zwischen Justiz und Nichtjurist reformiert werden sollte. Denn auch wenn wir juristische Zusammenhänge und das bekannte „Juristen-Deutsch“ nach all den Jahren der Jura-Gehirnwäsche verinnerlicht haben. Der „Normalsterbliche“ hat es nicht.
Kurz. Man lernt viel über die Justiz, Menschen und sich selbst, wenn man nur aufmerksam ist.
Und: Endlich wird man (wenn auch häufig schlecht) dafür bezahlt!
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Autorin: Gesa Max

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