Großkanzlei: Zwischen „Auf jeden Fall“ und „Only over my dead body“

von iurastudent · Aktuelles und Gemischtes

Eines war für mich schon vor Beginn des Refs. klar. Ich gehe danach – sollten die Noten es irgendwie zulassen – in jedem Fall in eine Großkanzlei. Nicht für immer und sicher nicht mit dem Ziel dort Partner zu werden, aber auf jeden Fall mal die üblichen 2-3 Jahre. Man lernt so unfassbar viel in so kurzer Zeit, man arbeitet mit den Besten der Besten zusammen und man verdient einen riesen Batzen Geld, dafür, dass man blutjunger Berufseinsteiger ist. Und unter uns: für maximal 3 Jahre wird man das mit den „80 Stunden Wochen“ und „Seele verkaufen“ schon irgendwie aushalten, oder?
 
Meine Ansicht hierzu änderte sich – nennen wir es DRASTISCH – als ich während des Refs. erst als Wiss.Mit. und dann als Referendarin in der Anwaltsstation in einer Großkanzlei tätig war. Das Konstrukt Großkanzlei war für mich jetzt nicht komplett neu, ich hatte im Studium zwei sechswöchige Praktika in Großkanzleien absolviert, die mir beide wirklich gut gefallen haben. Aber man war halt Praktikant. Man ist halt um 18 Uhr gegangen und war jetzt auch kein echtes Zahnrädchen im System. Man ist ehr jemand, der versucht, nicht im Weg zu stehen, aber trotzdem immer von allen nett angegrinst wird und mit am „großen Tisch“ sitzen darf. Als Referendar war das dann alles etwas anders.
 
Generation Y – Die „work-life-balancer“  
 
Natürlich kann man meine Erfahrungen über Großkanzleien direkt in die „Generation Y – die Faulen halt“ schieben und mir vorwerfen, dass es naiv gewesen sei, mit der Vorstellung aus Praktika zu glauben, man wisse, was da auf einen zukommt. Dabei hatte ich mich gar nicht auf ein „leichtes Leben“ und „easy Geld verdienen“ eingestellt. Ich war wirklich entschlossen, die ersten Jahre meines Berufslebens hart zu arbeiten, so viel wie irgendwie möglich zu lernen und richtig Gas zu geben. Allerdings nicht um jeden Preis.
 
Während meiner Zeit in der Großkanzlei haben ich viele verschiedene Erfahrungen gemacht. Die meisten waren in meinen Augen leider nicht positiv. Ich habe kaum einen Abend vor 21 Uhr Feierabend machen können und hatte über meine 5 aktiven Monate der Anwaltsstation nur in einem einzigen Monat die „Erlaubnis“ meinen Studientag tatsächlich zu nutzen. Die übrigen Wochen habe ich 5 Tage Vollzeit gearbeitet. Aber auch das war in meinen Augen wirklich kein Beinbruch. Wie gesagt, ich wollte ja wirklich Gas geben. (Auch wenn es mir etwas seltsam erschien, dass ein Team scheinbar so sehr auf Referendare angewiesen ist, dass einem stets nahegelegt wird, länger zu bleiben und auch am Studientag in die Kanzlei zu kommen, um das Team zu unterstützen).
 
Was mich allerdings tatsächlich schockierte, war die Art und Weise, wie man im Team, insbesondere in den verschiedenen Hierarchiestufen miteinander umging und wie extrem aufgrund dessen das Team fluktuierte. In den insgesamt 14 Monaten, die ich in diesem Team arbeiten durfte, haben knapp 50 % der Mitarbeiter gekündigt, heute ist meines Wissens nach kaum noch jemand dort, den ich kenne. Ich habe viele, viele extrem laute Auseinandersetzungen mitbekommen, Türen knallen gehört und boshafte E-Mails gelesen. Ich habe Kolleginnen weinend in ihren Büros gefunden und wieder andere gesehen, die trotz extremer Grippe im Büro waren, weil sie sonst nicht auf ihre buchbaren Stunden gekommen wären.
 
Nach etwas mehr als einem halben Jahr als Anwältin in einer deutschen mittelständischen Kanzlei kann ich in jedem Fall eins sagen: Man bekommt genug Druck von außen, den Gegenseiten und manchmal auch von den eigenen Mandanten selbst. Das wichtigste, was man in diesen Situationen hat, ist das eigene Team. Und genauso eines habe ich – außerhalb einer Großkanzlei - gefunden.
 
Ich möchte mit diesem Beitrag nicht „alle über einen Kamm scheren“. Ich möchte meine Erfahrung teilen und euch empfehlen, immer erste einmal für längere Zeit hinter die Kulissen zu blicken.

 

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